Bernd Rauschenbach


EIN TABLETT VOLL GLITZERNDER SNAPSHOTS
Vorüberlegungen zu einer Biographie Arno Schmidts
(Vortrag bei der GASL-Tagung in Ahlden am 2.10.2004)

Jeder Arno-Schmidt-Leser kennt Arno Schmidt: „ein überlegener Intellektueller“ mit „mephistophelischem Grimm“, und zwar „einer dieser neuen eiskalten Intellektuellen“, „aus Eis, Feuer und Logarithmen gefügt.“ „Der Mann ist gefährlich!“ Doch „ein seelischer Selbstmordkandidat“, „verzweifelt und schon gescheitert“, ein „Einzelgänger, durch Enttäuschung beschädigt“. Ein „wölfisch-kauziger Einzelgänger“, ein „literarischer Tapir, ein Gedanken-Faun“, der „Tobsüchtige aus der Lüneburger Heide“, dieser „zornige Kleingärtner“ mit seiner „sich auslebenden Rumpelstilzchenmentalität“.

Ich spreche natürlich, meine sehr verehrten Damen und Herren, in Zitaten, auch wenn ich sie nicht einzeln nachweise, weil sie mich hier nicht als Einzelaussage, sondern als Stimmengewirr interessieren. Sie stammen sämtlich aus dem Band „Über Arno Schmidt II“, mithin aus meist feuilletonistischen Gesamtdarstellungen des Phänomens Schmidt aus den Jahren 1950 – 1984, geschrieben von Literaturkritikern und –wissenschaftlern, also von professionellen Lesern. Sie, wie alle Schmidt-Leser, kennen Arno Schmidt: Aber ist er nun ein „Dynamitero und Don Quijote“? Oder hält er sich „die Maske eines Konservativen vors Gesicht“? Nein, „eigentlich ein Konservativer“, sogar „ein Konservativer par excellence“ soll er sein. Dabei ein „wild gewordener Kleinbürgerfürst“ mit „aufklärerischem Ingrimm“. Und er „mißachtete Normen und wagte Unübliches“. Ein „Rebell & Topograph“? „Kein Rebell, sondern ein Revolutionär“, ein „westdeutscher Jakobiner“, „Sprecher des vierten Standes“, „isolierter Republikaner, spätgeborener 48er“, „bildungsbesessener Plebejer“, „Citoyen von seiner Grunddisposition her“, „als Bürger ein deutsches Musterexemplar“, der „Chronist der bundesrepublikanischen Restaurationsjahre“, allerdings mit einer „sonderbaren Weltfremdheit“, die wiederum gepaart war mit einem „Bißchen Weltzugewandtheit und Zeitgenössischsein“. „Sein gesellschaftliches Bewußtsein war nie stark entwickelt“? Aber er war doch ein „Mensch, der sich aus der Grundhaltung kritischer Vernunft und überlegenen Humors für die mögliche Wahrheit und Freiheit im Leben des einzelnen und der Gesellschaft kompromißlos einsetzt“. „Seine Dichtung ist ein einziges Plädoyer für den Mitmenschen“ – früh aber findet sich bei ihm ein „menschenfeindlicher Zug, der spätere Resignation vorausahnen läßt“. Dabei ist „unser bösester lebender Autor im tiefsten Grunde unser gütigster“ und „ein leidenschaftlicher Moralist“. Zwar „vulgär bis zum Exzeß“, aber ein „grundsauberer und ehrlicher Kerl“; zwar ist er ein „wunderbarer Voyeur“ und „hält sich offenbar lange auf Aborten auf“, ist aber „ein Idylliker, der freilich an seiner Sentimentalität leidet, und ein Erotiker, der sich seiner Zärtlichkeit schämt und seine Gefühle verbergen möchte.“

Dieses „Subjekt, das seine Feder in Salzsäure und den Leser in Schrecknis taucht“ kümmert sich „einen Dreck um das, was ‚das Publikum‘ will“. „Er ist ein Intellektueller, er schreibt für Intellektuelle“. Oder ist er eher „ein Volksschriftsteller, aber ein verhinderter“? Einerseits war er „unbeirrt durch das manchmal fast gänzliche Fehlen des Beifalls“, andererseits war „dem jahrelang Unterschätzten Eitelkeit nicht fremd“, dem „Heide-Gänger“, dem „Einzelgänger auf den Sandwegen der eigenen Eitelkeiten“, der „wie kein anderer gegenwärtiger Autor seine Bildungsgüter mit so unverhohlenem Stolz ausbreitet und sich ohne Unterlaß selber rühmt“ mit der „Attitüde des Besserwissers“, bzw. mit „Selbstironie“. Also ein „Scharlatan“? Oder ein „Genie und Tölpelhans“, ein „genialer Querulant und enzyklopädisch gebildeter Autor“ mit „Polyhistorgehirn“? Bloß ein „Literatuhr-Detektief“ („Arno Schmidt steckt an“), „ein spöttischer Archivar“ voller „Humorlosigkeit“? Jedenfalls ein „Heimatvertriebener und Heimatverächter“, ein „armer Teufel“, der „an ‚Erfolg‘, das magische Grundwort der Epoche, noch nie gedacht hat“, folglich „von seinen Büchern nie leben konnte“, dennoch zum „etablierten Außenseiter, arrivierten Sonderling und saturierten Einsiedler“ wurde. „Ein ganz unzugänglicher Mensch“ eben. Oder „hält keiner seine Türe weiter offen als Arno Schmidt“?

Er war der „Unterhaltungsequilibrist der bürgerlichen Gesellschaft“, aber auch „neben Beckett oder Nathalie Sarraute das wahre Gleichnis und Paradoxon der heutigen literarischen Situation“. Er war „Realist und Phantast in einem und schrieb die menschliche Komödie weiter“. Wie schrieb er eigentlich? Je nach professionellem Leser schrieb er „wie Rabelais-Fischart, Klopstock, Wieland, Jean Paul, die Brüder Schlegel, E.T.A. Hoffmann, Heine, Raabe, Arno Holz, Alfred Kerr, Karl Kraus, August Stramm, Döblin, Joyce, Kafka, Benn, Tucholsky, Huxley, Jünger, Wilder“, bzw. „ohne Vorbild“, also natürlich „arnoschmidtesk“; jedenfalls „hat er sich in dem Vierteljahrhundert seiner schriftstellerischen Tätigkeit kaum wesentlich gewandelt.“ Oder nein: seit ‚Zettel’s Traum‘ „schreibt Arno Schmidt nur noch für Arno Schmidt“, ist seine „Literatur immer hermetischer, immer weniger entschlüsselbar geworden“. – Er scheint wohl „mehr ein Objekt für fans als für Kritiker“ zu sein.

Er besaß eine „kauzige Kennerschaft in bestimmten entlegenen Gefilden der Literatur“, einen „Zug zum Positivismus und Naturalismus“ und war „ein mit astronomischen Tabellen hantierender Naturschilderer“. „Bei ihm herrscht der autodidaktische Impuls vor, die geistige Welt zu erobern“. „Unter allen Wörter-Schmieden Westdeutschlands ist Arno Schmidt der eigentliche Abenteurer“; gleichwohl leben seine Figuren in einer „schmierigen Piefekewelt“, und er selbst „blieb zeit seines Lebens dem kleinbürgerlichen Wohnküchenmief, der schon das hochbegabte Kind geistig isolierte, äußerlich verhaftet.“

Er „sah seinen Platz am Schreibtisch und nur dort“. „Er hat fürs Schreiben gelebt“ : „Rastlos wie unter ständigem Überdruck arbeitend“ „nimmt er das Handwerk ernst, nicht nur das ‚Anliegen‘“. „Sein Lesepensum war so ungeheuer wie seine Schreibleistung“ : Ob er nun „vierzehn Stunden täglich arbeitet“ oder „16 Stunden täglich seinem Werk obliegt“: Er „dichtet schneller als man zu lesen in der Lage ist“, vielleicht weil „ein psychisches Phänomen ihn von Natur aus schon zu außerordentlichen Gedankenleistungen befähigt hat“.

„Eine der wenigen gesicherten Erkenntnisse, die es über Schmidt gibt: er ist ein Schriftsteller, der von dem Wunsch besessen ist, mit jedem Buchstaben, den er schreibt, er selbst zu sein.“ Oder „hatte er nichts dringender gewollt als: auf Leser wirken“? Die Leser jedenfalls „stoßen immer wieder in seinen Texten auf Arno Schmidt“, denn „bei wenigen Autoren sonst ist die Identität mit dem Ich-Erzähler ihrer Prosa so leicht wie bei Schmidt aus hundert Indizien nachzuweisen – sie reichen vom Wohnort über die Passionen bis zur Kurzsichtigkeit.“ Schmidts Held, „das ist Schmidt selbst, inkognito, aber dem Autor von physiognomischer Ähnlichkeit“. „Alle Bücher Schmidts werden in gewissem Sinne nur von diesem spezifischen Ich Arno Schmidts zusammengehalten, das über Welt und Literatur sein Netz von spleenigen und verbissenen, mit Nachdruck vorgetragenen Vorlieben und Abneigungen wirft.“ „Eine Art von permanenter Autobiographie, permanenter Selbstbeschreibung hat Schmidt denn auch zum Strukturprinzip seiner gesamten Prosa erhoben“, „seine Bücher sind ziemlich ‚authentisch‘, d.h. seine Werke enthalten stark autobiographische Züge und spiegeln die Wirklichkeit, seine eigenen Erlebnisse und seine eigenen Leseerlebnisse genau. Daten & Namen stimmen genau mit der Realität überein. Er wiederholt seine Lebensgeschichte in seinen Werken immer wieder.“

Dies mag ersteinmal genügen als Beleg für das ausgesprochen unscharfe, vielgestaltige und widersprüchliche Bild, das von Arno Schmidt (auf Grund der Lektüre seiner Bücher) in der Welt ist. Die Urteile, ich muß es noch einmal wiederholen, stammen alle aus Gesammtdarstellungen Arno Schmidts, keines wurde unter dem Eindruck nur eines Buches in einer Einzelrezension gefällt. Wie schon gesagt: Jeder Arno-Schmidt-Leser kennt Arno Schmidt.
Und wer wollte, könnte sich bei dieser Behauptung auf den Autor selbst berufen, der mehrfach davon spricht, „daß ein Autor selbstverständlich größere Teile seiner Persönlichkeit in seinen Büchern deponiert“ – freilich fügt er einmal einschränkend hinzu: „aber niemals 100=%ig! Das liegt simpel daran, daß kein Mensch auch nur zu 1 Drittel abbildens= & erhaltenswert wäre“ (Häher, III,4, 392). Auch nur zu einem Drittel!

Eine Binsenwahrheit, die geübten Lesern eigentlich gar nicht gesagt zu werden brauchte, und doch kann Schmidts Einschränkung gar nicht oft genug hervorgehoben werden, wie Gespräche mit Lesern, Rezensionen, selbst literaturwissenschaftliche Arbeiten, ab und an gar, wenn man ehrlich ist, die eigene Lektüreerfahrung zeigen. Die Intensität, mit der in Schmidts Werk „Ich“ gesagt wird, bewirkt, scheints, nicht nur die viele Schmidt-Leser beherrschende und reichlich belegte Identifikationssucht mit dem Ich-Erzähler, sondern immer wieder auch die Vorstellung, der Ich-Erzähler sei identisch mit seinem Autor – eine Vorstellung, die sich selbst professionellen Lesern, denen Begriffe wie Rollenprosa etc. doch nicht unvertraut sein können, häufiger aufdrängt, als ihnen lieb sein sollte.

Womit wir gleich zu Beginn auf eine der methodologischen Schwierigkeiten einer Arno-Schmidt-Biographie stoßen. Schmidt hat, von seinen Büchern abgesehen, wenig Spuren in der Welt hinterlassen, sein Leben wird sich über weite Strecken fast nur durch Selbstaussagen verfolgen, gar nur erschließen lassen. Diese aber stehen meist in fiktionalen Zusammenhängen und sind einer literarischen Figur in den Mund gelegt – wie kommen wir also darauf, sie als Selbstaussagen zu betrachten? Und selbst wo Schmidt sie innerhalb von Essays äußert, ist man durchaus nicht auf der sicheren Seite, hat er doch (wie wir aus den Tagebüchern seiner Frau wissen) nicht davor zurückgescheut, in seinen Arbeiten Fouqué- und Massenbachzitate zu erfinden – warum dann nicht auch eigene Biographica? Und wirklich waren die Schmidtleser über viele Jahre hinweg von ihm selbst falsch informiert worden über sein Geburtsjahr und ein angebliches mathematisch-astronomisches Studium. Homers alte Einsicht: „Viel ja lügen die Sänger“ hat Schmidt mehrfach zustimmend paraphrasiert, das Lügen sogar ausdrücklich dem Berufsbild des Autors zugerechnet: „Lügen ist doch nun mal mein Beruf“ (BW Schlotter S. 38) – womit wir freilich vor dem alten kretischen Problem stehen, ob das nicht selbst gelogen sein könnte. Zumal Susanne Fischer erst letzte Woche einen Zettel aus den Kästen zu „Zettel’s Traum“ transkribiert hat: „›Dichten‹ bedeutet nicht unbedingt ›Lügen ex professo‹“

Drei einfache Beispiele zur Illustrierung unserer Schwierigkeiten : Wenn Schmidts Ich-Erzähler in „Am Zaun“ von seinem Wohnsitz Tristan da Cunha nach Deutschland fliegt, können wir völlig sicher sein, daß dieser Flug nicht autobiographisch ist: Schmidt hat nie in corpore auf dieser Insel gewohnt – für Schmidts Wohnorte existieren im Bargfelder Archiv lückenlose und glaubwürdige Belege wie behördliche Meldezettel oder Eintragungen in Pässen und Ausweisen. – Wenn der Ich-Erzähler in ‚Seelandschaft mit Pocahontas‘ von der Saar an den Dümmer reist, wissen wir aus einem Gästebucheintrag in einer Pension am Dümmer, daß Schmidt wirklich am Dümmer gewesen ist zu einer Zeit, als er an der Saar wohnte. – Was aber machen wir mit der Aussage des Sprechers A. in Schmidts Funkessay „Tom all alone’s“ , er sei, „den schnöden Filz in der Hand“ „im ‚Dichterwinkel‘ der Westminsterabtei vor Dickens‘ Grab getreten“ (BA II,2, 401)? Ist sie ein Indiz für die in der Sekundärliteratur nicht unbestrittene Englandreise der Schmidts im August 1938, oder ist sie gerade Baustein einer (von einigen Forschern unterstellten) Fiktion?

Wenn es diese Unsicherheit schon bei allgemein für objektiv gehaltenen biographischen Daten und Realia gibt – wie gehen wir dann mit Selbstaussagen über Veranlagung, Disposition und Charakter um? Etwa: „Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“ – das sagt der Ich-Erzähler in den „Umsiedlern“ ziemlich ernsthaft. Kann man daraus schließen, der Autor Schmidt, dem Kritiker Besserwisserei und Rechthaberei nachsagen eben auf Grund von Sätzen wie dem zitierten, glaube dies ernsthaft von sich? Und was folgert man, wenn man entdeckt, daß Friedrich Nietzsche, der vom Ich-Erzähler der „Umsiedler“ in seiner Jugend wie ein „Halbgott“ verehrt wurde, (und der wohl auch vom Autor der „Umsiedler“ in seiner Jugend intensiv gelesen wurde) eben diesen Satz (wenn auch nicht ganz wörtlich: „ich finde Niemanden, der beständig Recht hätte, als mich“) – daß also Nietzsche einem von ihm als selbstgerechten Philister gegeißelten Autor den Satz als Geisteshaltung unterschiebt? (F.N., David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller, dtv 1 / 187) Mindestens vier Folgerungen sind möglich: 1) Arno Schmidt hat den Satz bei Nietzsche in seiner Jugend gelesen, fand ihn originell, frech und als pubertärer Oberschüler völlig richtig, hat ihn sich ungefähr gemerkt, findet ihn auch zwanzig Jahre später noch erstaunlich richtig und verwendet ihn bei passender Gelegenheit. 2) Schmidt hat sich nicht nur den Satz, sondern auch den Nietzsche-Kontext gemerkt und deutet mit dem Zitat und dem mitzudenkenden Kontext eine kleine ironische Distanz zu seinem Ich-Erzähler an. 3) Schmidt hat die nicht gerade zu Nietzsches Hauptwerken zählende Schrift gar nicht gelesen, sondern kennt den Satz aus einer anderen Quelle – Nietzsche selbst nämlich gibt ihn wieder als Äußerung einer gewissen Herzogin Delaforte gegenüber Madame de Staël. Wollte man also mit dem „Umsiedler“-Satz biographisch argumentieren, hätte man zu prüfen, welche andere Überlieferung dieses Satzes es gibt, in welchem Kontext sie steht und ob Schmidt sie gekannt haben kann. 4) Schmidt hat den Satz weder bei Nietzsche noch sonstwo gelesen, sondern selbst ‚neu erfunden‘ – womit die Frage „ernst gemeint oder ironisch“ weiter offen bliebe.
Wir sehen, wir können gar nicht früh genug uns daran gewöhnen, auch die scheinbar einfachsten Selbstaussagen in Schmidts Werken nicht für selbst-verständlich zu nehmen, sondern sie mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu prüfen – als da wären Urkunden und Dokumente (wohl eher selten zur Hand), Tagebücher und Briefe des Autors und seiner Frau (deren objektiven Wahrheitsgehalt freilich auch niemand garantiert), Erinnerungen von Zeitzeugen (immer mit Vorsicht zu genießen und in den meisten Fällen von Schmidt-Lektüre beeinflußt, wenn nicht gar überlagert), schließlich Vergleich mit Parallelstellen in anderen sowohl seiner als auch fremder Werke. In sehr vielen Fällen, das ist bei Schmidts Selbstaussagen, aber auch bei biographischen Realia vorauszusehen, wird es allerdings keine Prüfmöglichkeiten geben – Schmidts erste 35 Lebensjahre z.B. sind nur äußerst lückenhaft mit externen Zeugnissen belegt.

Es wird nicht ohne das gehen, was der Kafka-Biograph Reiner Stach „das Zauberwort des Biographen“ nennt: Empathie – vor derem gedankenlosen Einsatz als „methodologische Droge“ er zugleich und zurecht warnt. (R.St., Kafka, Die Jahre der Entscheidungen, S.Fischer, S. XXIII) Aber ich werde bei meiner Arbeit weder davon absehen können noch wollen, daß ich seit 34 Jahren Schmidtleser bin, Arno und Alice Schmidt persönlich gekannt habe, mich seit 22 Jahren beruflich mit Werk und Leben Schmidts beschäftige, die meisten und bald alle seiner Wohn- und Aufenthaltsorte bereist und große Teile seiner Lektüre nachvollzogen habe bzw. immer noch dabei bin. Selbstverständlich macht man das alles nicht ohne eine weitreichende Sympathie für den Autor, selbstverständlich führt das alles bisweilen zu mir selbst sicher erscheinenden Einsichten, die freilich nicht mit Brief und Siegel belegt werden können. Und selbstverständlich müssen diese noch sorgfältiger abgewogen werden, als die aus schriftlichen Quellen gewonnenen Erkenntnisse.

Die Behauptung eines Literaturkritikers in den 50er Jahren, Schmidts große Fouqué-Biographie „unterscheide sich nur in einem von seinen Romanen, nämlich dadurch, daß sie sich nicht mehr als solche[r] ausgebe“ (ÜAS II, 47) ist natürlich völlig überzogen, trifft aber einen inzwischen wohl anerkannten Kern aller Biographik. Kein verantwortungsvoller Biograph könnte heute mehr behaupten, seine Arbeit stelle ein Leben so dar, wie es „wirklich“ gewesen sei. Wir wissen, daß die Linie, auf der ein Leben vom gegebenen Punkt A zum gegebenen Punkt B zu laufen scheint, ausschließlich von uns, den Interpretatoren und Biographen, gezogen wird, und wir können nur hoffen, daß es nicht zuviele uns unbekannte Punkte fernab dieser Linie gegeben hat. Dabei ist das Problem nicht nur das möglicher fehlender Informationen, sondern ein grundsätzliches, wenn man will erkenntnistheoretisches: Die Punkte A und B können beliebig dicht beieinander liegen, die Verbindungslinie zwischen ihnen ist nie eindeutig. Mein künftiges Buch trägt denn auch für mich nicht den Arbeitsuntertitel „Arno Schmidts Leben“ sondern „Arno Schmidts Leben, wie ich es sehen und beschreiben konnte“. Auch dies natürlich eine Binsenwahrheit, die ich mir aber stets im Hinterkopf zu behalten empfehle, schützt sie doch nicht nur vor der Hybris, sich einzubilden, die „Wahrheit“ schreiben zu können, sondern macht auch (hoffentlich, und hoffentlich auf bedächtige Weise) mutiger beim Einsatz von Konjekturen und Empathie, hätten diese doch in einem Werk, das sich der Illusion der Objektivität hingibt, einen ungleich schlechteren Stand. (Daß dies kein Freibrief fürs Unterschlagen, Fälschen und Erfinden von Biographica ist, versteht sich von selbst.)

An die Möglichkeit einer objektiven oder idealen Biographie scheint Arno Schmidt bei seinem „Zug zum Positivismus“ (Sie erinnern sich) noch geglaubt zu haben. Seine Frau Alice Schmidt schreibt am 7.10. 1951 in ihr Tagebuch: „Mittags um 12h fällt A, nachdem er tagelang sein Hirn marterte, welche Form er seiner Fouqué-Biographie geben solle, ein neuer Plan ein: Das ganze in Form eines Gesprächs zu machen, daß alle Seiten beleuchtet würden“; und noch 1970 erläutert Schmidt in einem Rundfunkvortrag: „Ich hatte damals, bei Fouqué, vor – das Ganze darzustellen – in der Form eines Gesprächs unter mehreren Teilnehmern. Ein Schriftsteller – hätte es sein müssen – ein Übersetzer – ein Offizier (denn Fouqué war ja Berufsoffizier viele jahrelang) – eine Frau (oder zwei Frauen vielleicht hätten teilnehmen müssen) eventuell noch ein Psychologe. – Da ein schönes Gespräch konstruiert, hätte vielleicht – auch eine ideale Form ergeben zumal für eine erste Biographie.“ (Vorläufiges zu Zettels Traum, S.11) – Eigentlich eine hübsche Idee, sich vorzustellen, wie dann z.B. ein Artillerist der Bundeswehr und ein Dichter der Gruppe 47 über ihr Fouqué-Bild streiten – gedanklich aber eher ein Kurzschluß, denn Schmidt hätte die Biographie ja nicht mit anderen Experten zusammen verfassen wollen (wovon ja allenfalls auch nur weitere Blickwinkel, aber keine Objektivität zu erwarten gewesen wären), sondern hinter jedem Fachexperten hätte ja wieder nur der eine Fouqué-Experte Arno Schmidt gesteckt.

Aber ergreifen wir doch die Gelegenheit, uns Gedanken über eine neue Biographien-Form zu machen, die heutiger Wirklichkeitsauffassung und Persönlichkeitssicht angemessener wäre. Denkbar wäre die Konstruktion von „Parallel-Biographien“ – etwa wie manche Quantenphysiker das Gedankenmodell der Parallel-Universen haben, die gleichzeitig – neben-, über- oder ineinander (wir haben keine korrekt dimensionierten Präpositionen für diese Vorstellung) – existieren, und sich jeweils nur durch Kleinigkeiten von einander unterscheiden, insofern es in der Geschichte des einen Universums gegenüber seinem Nachbaruniversum einmal eine kleine Entscheidung gegeben hat, die anders verlaufen ist – und so, bei jeder denkbaren Entscheidung, entsteht ein neues von unendlich vielen Paralleluniversen. Nach diesem Muster also wäre eine Biographie Schmidts denkbar, die seine (vielleicht ja nur scheinbare) Lebens-Einheit aufspaltet in viele Biographien: Leben Schmidts als Buchhalter, als Soldat, Wissenschaftler, Dichter, Ehemann, Erotiker, Kind, etc.

Wohlgemerkt: Alle diese Leben jeweils geschildert über die volle Distanz von Schmidts 65 Lebensjahren. Welches Buchhalter-Leben führte Schmidt, bevor er sich entschloß, Buchhalter zu werden? Und welches, als er es nicht mehr in den schlesischen Greiff-Werken war? Wo ist der Soldat Schmidt geblieben, als er 1945 die Uniform auszog? Mit wem lebte der Ehemann, mit wem der Erotiker? An welchem Feuer sitzt das herzkranke 65jährige Kind und spielt mit dem Holzschiffchen?

Ich werde Schmidts Biographie nicht in dieser Form schreiben. Kein Leser schätzt Biographen, die sich mit formalen Experimenten vor ihren Gegenstand drängen, zumal wenn dieser sich selbst mit formalen Experimenten hervorgetan hat. Zudem ist es fraglich, ob diese Parallel-Form konsequent durchzuhalten wäre; außerdem wäre sie von einer rasch ermüdenden Redundanz, denn natürlich hätten die Parallel-Biographien viele Überlappungen und Gemeinsamkeiten.

Immerhin: Als Gedankenspiel wäre eine solche Form vielleicht völlig angemessen einem Autor, der diese Erkenntnis weitergibt : „ Mein Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört; »Herr Landrat« sagt: that's me!): ein Tablett voll glitzernder snapshots.“ (Faun I,1, 301) Dies sagt zwar ein Ich-Erzähler Schmidts, aber es ist egal, ob dies „nur“ der „Faun“-Erzähler Düring empfindet oder auch sein Autor – es ist in jedem Fall eine Ich-Erfahrung der Moderne von Nietzsche bis Freud und bis heute virulent. („Zwei Seelen kämpfen ach in meiner Brust“? Glücklicher Faust, möchte man als Mensch des 20. Jahrhunderts manchmal ausrufen, nur zwei!) Aber man darf ziemlich sicher sein, daß Schmidt selbst so empfunden hat, äußert er sich doch in Interviews und Essays ähnlich. Von der Aufspaltung einer Persönlichkeit, wenn es sich bei ihr um einen Autor handelt, vermittelt Schmidt uns sogar noch einen verschärften Begriff: Über Bulwer-Lytton heißt es in einem Funkessay: „Er hatte [...] eine Familiengeschichte geschrieben; [...] darin ein Zweit=Ich abgespaltet - (dh wenn Sie wollen, ein Dreißigst=Ich: jeder Autor hat mehr Incarnationen hinter sich als Wischnu!)“ (Was wird er d.m. II,3, 309) – eine Vorstellung, mit der bereits der junge Schmidt bei seiner belegbaren Lektüre von Hesses „Steppenwolf“ konfrontiert worden ist, der in seinem Traktat-Teil „jedes Genie“ für „ein Bündel aus vielen Ichs“ hält und darlegt, wie in indischen Dichtungen die Helden keine Personen seien sondern „Personenknäuel, Inkarnationsreihen“ (EA, Traktat S.24).

Eine Schmidt-Biographie wird diesen „Incarnationen“ Rechnung tragen müssen, indem sie ständig beobachtet, welche aus dem Strauß der multiplen Autor-Persönlichkeiten sie denn grad vor sich hat. Oder sitzen wir bei der Annahme der „Incarnationen“ dem berufsmäßigen Lügner auf, der den Beruf des Autors komplizierter und schwerer erscheinen lassen will, als er in der Vorstellung des „ Herrn Leser Irgendein“ (Schwarze Spiegel 217) sein mag? – Denken wir noch einmal an die eingangs ausgiebig zitierten heterogenen, sich oft widersprechenden Schmidtbilder. Nach Lektüre des kompletten (immerhin 269 zweispaltige Großseiten starken) „Über Arno Schmidt II“-Bandes ersteht der befremdliche Anblick einer Autorpersönlichkeit, von der fast jeder Kritiker überzeugt ist, sie in den Werken des Autors deutlich und als relativ simpel gefügte Einheit erkennen zu können -– über deren Art und Wesen freilich die meisten Kritiker erheblich dissentieren. Will man nun nicht alle Kritiker für Illiteraten halten –(nicht, daß nicht einige unter ihnen sehr wohl diesen Eindruck zu vermitteln wüßten)– , muß man wohl konstatieren, daß es in Schmidts Werk jedenfalls eine einheitliche Autorpersönlichkeit, dieses, wie ein Kritiker schrieb, „spezifische Ich“, das „alle Bücher Schmidts zusammenhalte“, nicht zu geben scheint – welcher Befund nicht abgeschwächt werden könnte durch den Erklärungsversuch, der eine Kritiker habe die eine Autorpersönlichkeit in dem einen Schmidt-Buch gefunden, der andere Kritiker die andere eben in einem anderen : Nein, die Artikel sind (wie gesagt) Gesamtwürdigungen, keine Einzelbuchrezensionen. D.h. also diese unterschiedlichen Persönlichkeiten müssen gleichzeitig vorhanden sein – natürlich nicht ständig alle – und aus diesem Durcheinander von verschiedenen Wischnus suchen sich die Kritiker und Leser die ihnen (aus welchen Gründen auch immer) genehmste Incarnation heraus. „Kaum einer hat Arno Schmidt gekannt“ – diesem Satz einer der klügeren Kritiker kann man endlich einmal zustimmen.

Gab es denn überhaupt etwas, was man hätte kennen können? Eine von Schmidts „Incarnationen“ scheint ja schon (falls Incarnationen das überhaupt möglich ist) im Nirwana gelandet gewesen zu sein, denn auch dies diagnostizieren Kritiker bei Schmidt: „ein Mann ohne Leben“ – bzw. weniger apodiktisch: „interessant ist an der Person Schmidts, daß er sich uninteressant macht“, daß er „seine Person zur Verschluß-Sache erklärt“.

Originalton Schmidt, mit der Stimme des Sprechers A. aus seinem Funkessay über das Phänomen der Gehirntiere: „Gelangen Sie doch lieber dahin: einzusehen, daß man ‹vorbildliche menschliche, moralische, humane, undwiesiealleheißen› Leistungen von unsern ‹Dichtern & Denkern› nicht verlangen kann: die Leute lösen sich auf in ihre Werke, mein Herr!! - Den schäbigen Rest besieht man sich als Verehrender besser nicht: stehen Sie prinzipiell davon ab, ‹Leserbriefe› zu schreiben, oder gar einen ‹Besuch beim Autor=persönlich› auch nur zu planen!“ (Müller, II,2, 265) Und schon in der frühen „Wundertüte“ gibt es diese Warnung an die Leser: “versuchen Sie bitte nicht, meine Bekanntschaft zu machen; ich würde Sie äußerlich und auch im Auftreten enttäuschen; das Beste was ich bin und habe, gebe ich Ihnen ohnedies nach mancher Arbeit konzentriert und gereinigt in meinen Büchern: Der Mensch Schmidt ist von diesen nur eine Verwässerung, die Sie sich klug ersparen sollten.“ (Wundertüte 48)

Hinter Schmidts Rückzug in die Einsamkeit der Heide mag mancherlei stecken – der Wunsch nach Ruhe zum ungestörten Arbeiten, nach Leben in einem ihm genehmen Klima, einer ihm gemäßen Landschaft, nichteinmal die von einigen Journalisten unterstellte Absicht, durch Sich-Rarmachen seinen Marktwert zu erhöhen, sollte man völlig ausschließen – aber ein ganz starkes movens muß die Angst gewesen sein, als Person seinen (man wagt die Vorsilbe kaum) Mitmenschen nicht zu genügen, die Furcht, in belebteren Gegenden seinen „schäbigen Rest“ häufiger der Begutachtung aussetzen zu müssen. Angst und Furcht scheinen gegen Ende seines Lebens, als er seine Wirkung auf seine Gegenüber oft genug erfahren hatte und endlich glaubte, –(vorsichtig und vorläufig sei dies gesagt)-– einer Scham gewichen zu sein. Mir sagte er einmal, er treffe deswegen so ungern auf Leser, weil er sich vor ihnen immer wie nackt vorkäme -– sie wüßten als Leser viel, auch Intimes, von ihm, während sie, angezogen, ihm völlig unbekannt seien.

Der selbstbewußte Autor und der schäbige Rest, der sich Entblößende und der Schamhafte – keiner von ihnen ist der wahre Arno Schmidt, aber alle vier, und eben noch viel mehr, sind wahrhaftig Teile von ihm, und man wird nicht den Fehler machen dürfen, einen dieser Teile für wahrer oder echter als andere zu halten. Nicht einmal der Schmidt, der einsam und kontaktlos gelebt hat, und den ja nun wirklich alle Leser kennen, kann Anspruch auf den Titel „wahrer Schmidt“ erheben, auch er ist nur eine der Incarnationen – davon zeugen die mit seiner Korrespondenz gefüllten 85 Leitzordner in seinem Nachlaß.

Das alles hat – zur Vermeidung von Mißverständnissen sein es gesagt – natürlich nichts mit dem auch in der Schmidt-Forschung in den letzten Jahren in Umlauf gekommenen Begriff der „Selbstinszenierung“ zu tun. Dieser setzte ja voraus, es ließe sich ein irgendwie „wahres“ oder „echtes“ Kern-Ich erkennen, das sich bewußt und willentlich mit einer Anzahl von maskenhaften Incarnationen umgebe und mit ihnen tarne. Bislang ist dieser sich bewußt maskierende Ich-Kern bei Schmidt nicht zu erkennen, ja ist vielleicht sogar prinzipiell unerkennbar. Es könnte sich – (ich weiß es nicht, ich bin wirklich selbst gespannt) – im Laufe meiner Arbeit an dieser Biographie herausstellen, daß eben darin das bislang schwer zu greifende Besondere, Faszinierende, aber auch radikal Fremde Arno Schmidts besteht, daß seine vielen mächtigen literarischen Ichs nicht um ein übermächtiges, strahlendes, auctoriales Ich-Zentralgestirn kreisen – (wenn denn noch einmal ein kosmologisches Bild gestattet ist) –, sondern um ein keine Aussage nach außen dringen lassendes Ich mit der Gravitationsgewalt eines Schwarzen Lochs.

Vielleicht wollen nun schon längere Zeit diejenigen Leser einen Einwand erheben, die ein bislang nicht berücksichtigtes Schmidtbild vor Augen haben – jenes nämlich, das sie aus allen bekannten Porträt-Fotos Arno Schmidts ableiten: Der Mann sah doch über Jahrzehnte immer gleich aus, was heißt hier Incarnationen? „Idiotisch in Pose wie immer vor der Kamera, diabolisch-unbedeutenden Angesichts wie immer bei solchen Gelegenheiten“, so sah Rolf Vollmann ihn auf einem der denn doch erstaunlich vielen Fotos. „Man würde ihn, hätte man nur Fotos von ihm gesehen, einmal kaum gekannt zu haben wünschen“ folgert Vollmann, ohne Schmidt je persönlich begegnet zu sein. Andererseits: Wer Schmidt im Gespräch erlebt hat, erkennt ihn auf den meisten angeblichen Porträtfotos kaum wieder. Im persönlichen Gespräch zeigte er alle paar Sekunden ein neues Gesicht; da ließ er Kaumuskeln hervortreten, zog die rechte Augenbraue allein erstaunt hoch, wechselte die Brille zum Vorlesen oder setzte sie ab zum Auswendig-Rezitieren. Mundwinkel zogen sich plötzlich unwillig hinab fast bis zum Kinn, kräuselten sich zum spöttischen Lächeln, brachen auf zu einem herzlichen Lachen. Weiche, entspannte Gesichtszüge wechselten mit kantigen, konzentrierten – je nachdem, ob er den lässigen Erzähler am Kamin oder den Dozenten voll des Feuers der Rede gab. Man höre eine seiner vielen Rundfunklesungen: deren stimmlicher Dynamik und Ausdruckskraft entsprachen seine Mimik, seine Gebärden und Gesten. (Einmal sprang er mitten im Gespräch auf und führte mir mit beinah jungmädchenhafter Anmut vor, wie eine Dorfschöne dem in Bargfeld ansässigen Bildhauer Heinrich Schlotter mit Obstschale auf dem Kopf Modell gestanden hatte.) – Mehrfach habe ich ihn bei meinen Besuchen fotografieren dürfen: Doch sowie er den Fotoapparat sah, versteinerte sein Gesicht. Fast scheint mir, es war nur lebendig, solange sein Mund sprach. Beim Fotographiertwerden schwieg Schmidt. Manchmal sah er so starr in die Kamera, als wollte er mit seinem Blick die Linse zuhalten und nichts von sich hineinlassen; manchmal stellte er die Augen auf Unendlich (und wünschte den Fotographen wohl ebensoweit weg); manchmal zeigte er den Autor bei der harten Arbeit, ernst über ein Buch oder das Typoskript gebeugt – immer aber entstanden dabei Fotos wie die vielen bekannten, die das Bild des abweisenden, ja unfreundlichen Mannes Schmidt erzeugt haben. Nur sehr wenigen Fotographen sind Schnappschüsse von Schmidt gelungen, die ihn ohne die steinerne Miene zeigen, sondern lächelnd oder lachend – mit dem Ergebnis allerdings, daß sie ihre Schmidt-Ähnlichkeit fast eingebüßt haben : eines dieser Fotos z.B. –(das vor ein paar Jahren im Rahmen einer Plakatserie in diversen deutschen S-Bahnen zu sehen war)– scheint eher bei einem Hans-Henny-Jahnn-look-alike-contest aufgenommen worden zu sein. – Schmidts uns immer wieder dargebotene „steinerne Miene“ wird man wohl auch unter seine Incarnationen zu zählen haben – und zwar als eine relativ frühe, zeigt er diesen Gesichtsausdruck doch schon auf einigen Fotos aus der Vorkriegszeit.

Die Erkenntnis, daß bei Schmidt nicht nur (wie bei jedem Gegenstand) verschiedene Sichtweisen von außen möglich sind, sondern diese von ihm selbst geradezu angeboten werden, muß Folgen für eine Biographie haben: Sie wird sich in vielen Fällen schwerlich auf eine einzige Sicht festlegen können, ohne daß man ihr deswegen Entscheidungsschwäche vorwerfen dürfte. Vielmehr scheint eine multifocussale, polyperspektivische Sichtweise ihre einzige Chance zu sein, den Gegenstand überhaupt wahrzunehmen.

Angesichts der vielen, sicherlich noch nicht vollständig geschilderten Schwierigkeiten beim Schreiben einer Arno-Schmidt-Biographie stellt sich zum Schluß die Frage: Warum soll es überhaupt eine Arno-Schmidt-Biographie geben? Antworten wären schnell bei der Hand: Die Erforschung von Leben und Werk Arno Schmidts sei nun mal satzungsgemäße Aufgabe der Arno Schmidt Stiftung; die Fans hätten gern noch mehr Spielmaterial für ihre Ich/Autor-Identifikationen (die freilich immer schwieriger werden, je mehr Details man erfährt); das Publikum sei einfach neugierig, wie Werk und Leben zusammenpassten; und schließlich: man schreibe nun mal Biographien über bedeutende Künstler, das sei eine der in unserer Kultur üblichen und anerkannten Weisen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. – Schmidt selbst hielt wohl Menschen, die für eine bestimmte Situation oder eine Epoche eine Art Modelleben führten, für biographiewürdig; jedenfalls schrieb er 1956 an Alfred Andersch: „In Ihrem Leben scheinen mir Individualismus und Modellfall so unnachahmlich vereinigt, daß – hinzukommt noch Ihre ausgedehnte Bekanntschaft mit allen ‚Geistern‘ der Epoche – an ihm (und durch es) unser ganzes Zeitalter vorbildlich demonstriert werden könnte.“ (Nr.115, S.106)

Arno Schmidts Lebenslauf als Modellfall für was auch immer nehmen zu wollen, wäre mit Sicherheit ein verfehltes Unterfangen, auch ließe sich an ihm schwerlich die Geschichte -sagen wir: Nachkriegsdeutschlands oder auch nur seiner Literatur demonstrieren. Aber auf dem wahrscheinlich nie zu beendenden Weg hin zur Antwort auf die Fragen „Was ist Schöpferkraft“ (um das Batik-Wort „Kreativität“ zu vermeiden) und „Was ist Schöpfung“ (die letzten Endes auf die eine große Frage hinausläuft, warum ist Etwas und nicht Nichts) – auf diesem Weg also ist Arno Schmidt eines der – ich sag’s jetzt mal möglichst nüchtern – vielschichtigsten Fallbeispiele, das wir in Deutschland nach 1945 beobachten können.

Die mittlerweile zahlreichen biographischen Veröffentlichungen der Arno Schmidt Stiftung (Tagebuchauszüge, Briefe, Arbeitsskizzen, Zettel etc.) haben einen merkwürdigen Doppeleffekt: Einerseits kreisen sie die Stelle immer weiter ein, an der bei Schmidt Leben in Kunst umschlägt – ein hilfloser Ausdruck, der kaum camoufliert, daß wir nicht die geringste Ahnung haben, was da genau vorsichgeht. Andererseits vergrößern sie (jedenfalls in meinen Augen) immer mehr den Abstand zwischen dem, was an Leben in diesen Dokumenten aufscheint, und dem, was wir in Schmidts Büchern an Kunst haben. Plan gesagt: Mir wird immer rätselhafter, wie diese Kunst in diesem Leben entstehen konnte.

Es mag Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, überraschen : aber ich halte das für eine gute Ausgangslage, eine Biographie Arno Schmidts zu beginnen.