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Arno Schmidt Stiftung

Bernd Rauschenbach

Nachwort
zur Neuausgabe von Arno Schmidts Übersetzung des Romans "Was wird er damit machen?" von Edward Bulwer-Lytton (Suhrkamp Verlag 2015)

Die vorliegende Edition ist der erste Titel einer Reihe „Ausgewählte Übersetzungen Arno Schmidts in Einzelbänden“. Bevor näher auf diese Ausgabe von „Was wird er damit machen?“ eingegangen wird, sei hier ein Überblick über Arno Schmidts Tätigkeit als Übersetzer gegeben.

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An die englische Sprache wurde Arno Schmidt – wie wohl die meisten Deutschen im 20. Jahrhundert – im fünften Schuljahr herangeführt. Für ihn war dies die Sexta einer Realschule in Hamburg-Hamm, die er von Ostern 1924 an besuchte. Als zweite Fremdsprache kam bald Spanisch dazu, das anstelle von Französisch gewählt werden konnte – wahrscheinlich hatte die Schule bei dieser Alternative Hamburgs Handelsbeziehungen zu Südamerika vor Augen.
Französischunterricht erhielt Schmidt erst, als seine Mutter nach dem Tod des Vaters mit ihm und seiner drei Jahre älteren Schwester Luzie ins schlesische Lauban zog. Von dort aus besuchte er ab Dezember 1928 bis zum Abitur im März 1933 die „Städtische Oberrealschule zu Görlitz“. Seine Französischkenntnisse wurden im Abiturzeugnis mit „genügend“ beurteilt, während er in Englisch ein „gut“ erzielte. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften für Latein und/oder Altgriechisch, an denen Schmidt wohl teilgenommen hatte, werden im Abschlußzeugnis nicht erwähnt.
Ob bei der sich anschließenden Tätigkeit als Buchhalter in einem Textilwerk Fremdsprachenkenntnisse gefragt waren, ist nicht bekannt; bisweilen soll Schmidt Auslandsaufträge bearbeitet haben, die eigentlich außerhalb seines Arbeitsgebiets lagen. – Ein dreitägiger London-Aufenthalt mit seiner Frau Alice im Sommer 1938 wird keine wesentliche Vertiefung seiner Englischkenntnisse bewirkt haben.
Nach seiner Einberufung zur Artillerie absolvierte Schmidt im Sommer 1940 einen Dolmetscherlehrgang. Als er 1941 erfuhr, daß sein Einsatzland Norwegen sein würde, begann er Norwegisch zu lernen. Von April 1942 bis Januar 1945 war er Rechnungsführer in der Schreibstube eines deutschen Küstenartilleriestützpunkts im Romsdals-Fjord. Dabei fungierte er auch als Dolmetscher zwischen den deutschen Soldaten im Stützpunkt und den norwegischen Einheimischen.
1945 kam Schmidt als Kriegsgefangener in ein englisches Lager bei Brüssel, wo er ebenfalls
Dolmetscherdienste versah. Er muß seine Sache dort gut gemacht haben, denn die Britische Armee beschäftigte ihn nach wenigen Monaten der Gefangenschaft ab Januar 1946 als Dolmetscher in einer ihrer Hilfspolizeischulen in der Lüneburger Heide. Als die Schule im Dezember 1946 geschlossen wurde, boten ihm die Engländer eine andere Dolmetscherstelle an, die Schmidt jedoch ablehnte, um als freier Schriftsteller zu leben.

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Arno Schmidt besaß also mehr oder minder weitreichende Kenntnisse in sechs Fremdsprachen; aber nur das Englische beherrschte er eigener Einschätzung nach gut genug, um daraus literarisch übersetzen zu können.
Folgt man Schmidts späten autobiographischen Erinnerungen, so hat er seine erste Übersetzungsarbeit als Elfjähriger, nach nur anderthalb Jahren Englischunterricht begonnen. Aus dem Ramsch will er um Weihnachten 1925 herum ein englischsprachiges Buch über das antike Athen erstanden haben: „Mein Vater, mit der Zeitung unter der Gaslampe in der Küche sitzend meinte: »Kann er uns übersetz’n; dann ha’m Wa wieder ’n Buch mehr.«, in aller Urgemüt- und Selbstverständlichkeit. Ihm sekundierte meine Mutter. Und auf der Stelle […] mußte ich anfangen, Luzie die Übersetzung in die Feder zu diktieren: vom Blatt ›anzusagen‹. Man weiß nicht, über wessen Einfältigkeit, Unwissenheit, Borniertheit man am meisten den Kopf schütteln soll!“ (Porträt S. 279) Wie weit er mit dieser Übersetzung gekommen ist – wenn er sie denn überhaupt begonnen hat – ist nicht überliefert.
Die erste literarisch ernst zu nehmende Übersetzung Schmidts, die sich erhalten hat, ist im Herbst 1946 entstanden: eine zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichte Übertragung von Edgar Allan Poes Erzählung „The Fall of the House of Usher“.
Arno Schmidts erstes Buch „Leviathan“ erschien im Herbst 1949 bei Rowohlt und verkaufte sich so schlecht, daß Schmidt nach weiteren Einnahmequellen suchen mußte. „Da man in meinem Spitzenberuf bekanntlich die ersten Dezennien hindurch von seinen eigenen Büchern nicht leben kann, habe ich mir als BrotArbeit das Übersetzen gewählt – es schien mir, im Vergleich mit ›VorleseTourneen‹, oder dem Rezensieren von KollegenBüchern, immer noch das Anständigere; auch das bessere Mittel zur SelbstDisziplinierung“. (BA III, 4, S. 464)
Schmidt bat seinen Verleger um gelegentliche Übersetzungsaufträge, und so erschien 1952 als rororo-Taschenbuch seine erste Übersetzung „Der weiße Süden“, ein in der Antarktis spielender Thriller von Hammond Innes. Schmidt wendete dabei die Arbeitstechnik an, die er schon als Elfjähriger erprobt haben will ­– er diktierte die Übersetzung seiner Frau direkt in die Maschine. 1953 folgten zwei weitere rororo Bändchen: „Die sechste Kolonne“ von Peter Fleming (eine Parodie auf die James-Bond-Romane seines Bruders Ian Fleming) und zwei belanglose Erzählungen von Neil Paterson unter dem Titel „Ein Mann auf dem Drahtseil“. Schmidts letzte Übersetzung für rororo, Hans Rueschs „Rennfahrer“ („unterster Literaturschlamm“ urteilte Schmidt in einem Brief an Werner Steinberg vom 23.1.1956) erschien 1955, als Schmidt sich längst mit Rowohlt überworfen hatte.
Der Wolfgang-Krüger-Verlag brachte 1956 Schmidts Übertragung von Sloan Wilsons „The Man in the Gray Flannel Suit“ heraus – auf Schmidts ausdrücklichen Wunsch ohne Nennung seines Namens. Schmidt war mit einigen, bisweilen durchaus begründeten, Eingriffen des Lektorats in seinen Text nicht einverstanden: „ich habe immerhin“, schrieb er am 27.1.1956 an den Verlag, „einen Ruf als Übersetzer zu verlieren und kann nicht mit meinem Namen Dinge wie die oben von mir gerügten sanktionieren.“
Der nächste Autor, den Arno Schmidt übersetzte, war Evan Hunter – international berühmt geworden durch seinen Roman „Blackboard Jungle“, der 1955 mit Glen Ford verfilmt wurde. Die Titelmusik von Bill Haley („Rock around the Clock“) verhalf dem Rock’n’Roll weltweit zum Durchbruch. Die deutsche Übersetzung von „Blackboard Jungle“ war, als Schmidt sich für diesen Autor zu interessieren begann, zu seinem Leidwesen schon erschienen. Schmidt übersetzte drei spätere Hunter-Romane, die im zeitgenössischen New York unter puertoricanischen Einwanderern, ehebrecherischen Pendlern, jugendlichen Kriminellen, Jazzmusikern und Heroinsüchtigen spielen. Milieus, mit denen Schmidt nicht gerade vertraut war, was ihn bisweilen an die Grenzen seiner Fähigkeiten als Übersetzer brachte. Aber vermutlich hätten auch andere deutsche Übersetzer in den 1950er Jahren Schwierigkeiten mit Begriffen wie z.B. „Cold Turkey“ gehabt. Schmidt behalf sich, gar nicht mal so daneben, mit „Gänsehaut“. Und immerhin erntete Schmidt mit seinen Hunter-Übertragungen die ersten lobenden Erwähnungen als Übersetzer im deutschen Feuilleton. Den Übersetzer-Ruf, den er gegenüber dem Krüger-Verlag auf einer eher schmalen Basis für sich reklamiert hatte, erwarb er sich nun wirklich mit Evan Hunters Romanen „Aber wehe dem Einzelnen“ (Ullstein 1957), „An einem Montag Morgen“ (Nannen 1959) und „Recht für Rafael Morrez“ (Nannen 1960).
Zwischendurch übersetzte Schmidt für Ullstein ein Buch des amerikanischen Dokumentarfilmers, Reiseschriftstellers und Forschungsreisenden Hassoldt Davis: „ein astreiner Entdeckerschinken aus dem dunkelsten Afrika : schwarze Schauermagie und weißes Schmalz“. (AS an WM, 16.2.1957) „Das Dorf der Zauberer“ erschien 1958 und dürfte die letzte Übersetzung sein, die Schmidt einzig des Geldes wegen gemacht hatte. Er teilte seine Übersetzungen in drei zeitlich aufeinander folgende Phasen ein; „Für die frühesten geb’ ich kein gut Wort. Aber späterhin, als ich mir Titel aussuchen; ja, sie schließlich selbst, nach Gefallen, vorschlagen konnte, traten die Stücke in immer engere Beziehung zu meinen eigenen Büchern.“ (BA III, 4, S. 464)
Die Phase, in der Schmidt sich aus verschiedenen Verlagsangeboten ihm genehme Titel zur Übersetzung auswählen konnte, begann mit seiner langsam einsetzenden finanziellen Konsolidierung um 1960. Zwar blieben auch diese Übersetzungaufträge Brotarbeiten, aber bei den meisten Titeln kam nun auch ein literarisches Interesse dazu.
1960 brachte Suhrkamp die Erinnerungen von Stanislaus Joyce an seinen Bruder James in Schmidts Übertragung heraus: „Meines Bruders Hüter“. Schmidt hatte sich seit seinem fulminanten Verriß von Georg Goyerts „Ulysses“-Übersetzung einen wenn auch umstrittenen Namen als unorthodoxer Joyce-Kenner gemacht und beabsichtigte, mit dieser Übersetzung diese Stellung weiter auszubauen. 1964 kam dann, ebenfalls bei Suhrkamp, „Das Dubliner Tagebuch des Stanislaus Joyce“ mit zahlreichen Anmerkungen des Übersetzers Arno Schmidt heraus.
Das Angebot des Henry-Goverts-Verlags, zehn Kriminalgeschichten von Stanley Ellin zu übersetzen, nahm Schmidt zwar aus rein finanziellen Gründen an, doch während der Arbeit entdeckte er auch literarische Qualitäten an den Geschichten. „Falls es ihm gelingen sollte“, schrieb Schmidt in einem Essay über Ellin, „zum Tiefsinn seiner Fabeln und der schlechthin vorbildlich knappen Konstruktion sich auch noch eine dichterische Sprache zu erarbeiten – ja, dann könnte es sein, daß wir binnen kurzem einen neuen, wiederum amerikanischen, Poe begrüßen dürfen.“ (BA III, 4, S. 114) Stanley Ellins „Sanfter Schrecken“ erschien 1961 mit dem von Schmidt als unangemessen neckisch empfundenen Untertitel „10 ruchlose Geschichten“.
Mit „Das Fest des Lebens“ brachte Nannen 1962 einen weiteren von Schmidt übersetzten New-York-Roman auf den Markt – dieser spielt allerdings einige Zeit vor den Hunter-Romanen, etwa von 1910 bis 1925. Der Autor Pietro di Donato schildert darin sein Heranwachsen unter Einwanderern und Bauarbeitern in sehr genau erfaßten Bildern und einer expressiv-farbigen Sprache.
Als Schmidt von Goverts die Übertragung eines Bandes mit frühen Skizzen und Erzählungen William Faulkners angeboten bekam, nahm er aus folgender Erwägung heraus an: „Ich tu’s ja nur aus Reklamegründen: wenn ich im Gespräch hinwerfen kann, ich hätte u.a. auch Joyce & Faulkner übersetzt -– wie gemein dies ‚&’ ! – dann kann & wird das weitere, bessere, Aufträge ergeben.“ Bei der Arbeit litt er dann „unsäglich an dem Gewäsche vom ‚einfach leben’ : diese Verlogenheit, dieser falsche Ton, dieses lyrische Schmalzgebackene!“ (AS an HW, 30.5.1960.) Der Band erschien 1962 unter dem Titel „New Orleans“.
In den 1960er Jahren erhielt Arno Schmidt freilich eine ganze Reihe von Übersetzungsangeboten, die ebenso geeignet gewesen wären, sein Renommee zu steigern, z.B. Nabokovs „Pale Fire“, Flann O'Briens „The Hard Life“, James Jones’ „Some came running“, John Lennons „In his own Write“ und Tolkiens „The Lord of the Rings“. Gründe für seine Absagen waren meist Überlastung durch andere Arbeiten, zu geringe Honorare oder zu anspruchsvolle Texte – denn Schmidt vermied nach Möglichkeit kompliziertere Literatur, bei der das Verhältnis von Arbeitseinsatz und Honorar zu seinen Ungunsten ausgefallen wäre.
Die beiden Phasen des Auswählens und des Vorschlagens von Übersetzungen waren zeitlich nicht scharf gegeneinander abgesetzt, es gab Übergänge. Natürlich versuchte Schmidt schon in den 1950er Jahren, Interesse an den von ihm geschätzten englischsprachigen Autoren in den Verlagen zu wecken, mit denen er Kontakt hatte. Dies gelang ihm allerdings nur bei Rowohlt. Der beauftragte Schmidt mit einer von ihm hartnäckig vorgeschlagenen Übertragung von James Fenimore Coopers Roman „The Wept of Wish-Ton-Wish“. Als der Verlag die Übersetzung im Frühjahr 1953 erhielt, zahlte er Schmidt zwar das vereinbarte Honorar, lehnte aber eine Veröffentlichung ab. Grund war nicht die Qualität der schmidtschen Übersetzung – dabei hätte Rowohlt sehr wohl bemängeln können, daß sich Schmidt reichlich bei einem von Coopers zeitgenössischen deutschen Übersetzern bedient hatte; doch hatte wohl niemand im Verlag zuvor das Coopersche Original gelesen – man fand es nun uninteressant und langweilig. Das Buch erschien erst 1962 bei Goverts unter dem Titel „Conanchet oder die Beweinte von Wish-Ton-Wish“ in einer von Schmidt stark überarbeiteten Fassung seiner alten Übersetzung und mit einem 60seitigen Nachwort des Übersetzers.
Im Sommer 1959 las Arno Schmidt eine gerade in England erschienene Neuausgabe von Wilkie Collins’ viktorianischem Kriminalroman „The Woman in White“; 1960 setzte Schmidt den in Deutschland so gut wie unbekannten Collins auf eine Liste mit Autoren, die er Goverts für dessen geplante Reihe „Neue Bibliothek der Weltliteratur“ empfahl. Als der Verlag Schmidt fragte, ob er Collins’ „Woman in White“ übersetzen wolle, zögerte er längere Zeit wegen des erheblichen Umfangs dieses Romans und wegen Goverts’ parallelen Angebots, die Werke Edgar Allan Poes zu übertragen. Schmidt brauchte dann etwa ein halbes Jahr für die rund 800 Buchseiten seiner „Frau in Weiß“; das Manuskript gab er vertragsgemäß Ende Juli 1962 ab. Das Buch erschien allerdings erst im Herbst 1965 – in der Zwischenzeit hatte nämlich der Verlag Bedenken wegen des Umfangs und des damit verbundenen Verkaufspreises bekommen. Man erwog bereits Text-Kürzungen, doch dann war ein Buchclub bereit, „Die Frau in Weiß“ in sein Programm aufzunehmen, wodurch sich Goverts in der Lage sah, die Startauflage zu erhöhen und den Ladenpreis zu senken. – Der Verkaufserfolg des Romans übertraf alle Erwartungen und hält bis heute an: „Die Frau in Weiß“ ist Arno Schmidts Bestseller.
Sowohl Schmidt als auch Goverts hatten weiterhin Interesse an einer Poe-Übertragung, allerdings war der bei Goverts für Schmidt zuständige Lektor zum Schweizer Walter-Verlag gewechselt, und Schmidt vereinbarte nun mit Walter, daß er etwa ein Drittel der Werkausgabe übersetzen würde. Der zweite Haupt-Übersetzer wurde auf Schmidts Vorschlag hin Hans Wollschläger; für Texte, die beide nicht übersetzen wollten, standen ab Band 3 der Ausgabe drei weitere Übersetzer zur Verfügung. Arno Schmidt arbeitete das Jahr 1964 über fast ausschließlich an seinen Poe-Übersetzungen; parallel begann er die Vorarbeiten zu „Zettel’s Traum“, das ein Roman-Essay mit Edgar Allan Poe im Mittelpunkt werden sollte. Band eins der Poe-Werkausgabe erschien 1966, Band zwei 1967. – Im Sommer 1969, nach Fertigstellung von „Zettel’s Traum“, übersetzte Schmidt die wenigen Poe-Texte, die er für Band drei und vier übernommen hatte. Die beiden Bände schlossen 1973 die Ausgabe ab.
Hatten Literaturkritiker, wenn sie denn in ihren Rezensionen überhaupt auf die Übersetzungsleistung eingingen, an Schmidts Übertragungen bislang die „Kongenialität“ gelobt, so war mit den Dichtungen Edgar Allan Poes eine neue Qualität in seine Eindeutschungen hereingebrochen, die von der Kritik rasch bemerkt, aber nicht immer gutgeheißen wurde. Schmidts ins Auge springende Manierismen, Fehlschreibungen und übersetzerische Freiheiten erklärten sich erst den Lesern von „Zettel’s Traum“ als Versuche, die Ergebnisse seiner psychoanalytischen, „etymistischen“ Interpretation der Poe-Texte in den Übertragungen durchscheinen zu lassen. Versuche, die nicht immer auf Verständnis stießen.
Nur wenige Tage nach Ende der Poe-Übersetzungen begann Arno Schmidt im September 1969 mit der Übertragung von Edward Bulwer-Lyttons Tausendseiter „What will he do with it?“. Auf eine Leser-Frage, ob er mit solchen Arbeiten nicht Zeit verschwende, die er für eigenes, bedeutenderes nutzen könnte, antwortete er, „Eigenes bedeutet ständige geistige Höchstleistung. Wer vermag das?“ (Droege S. 83) Schmidt erholte sich gewissermaßen mit der Bulwer-Übertragung von den Strapazen der Niederschrift von „Zettel’s Traum“.
Die Hoffnung von Übersetzer und Verlag, mit „Was wird er damit machen?“, das 1971 bei den inzwischen fusionierten Verlagen Goverts/Krüger/Stahlberg erschien, an den Erfolg von „Die Frau in Weiß“ anschließen zu können, erfüllte sich nicht. So war es durchaus mutig, 1973 noch ein weiteres, sogar 400 Seiten umfangreicheres Bulwer-Lytton-Buch herauszubringen: „Dein Roman. 60 Spielarten Englischen Daseins“ wurde denn auch beim Publikum ein Mißerfolg; erlebte „Was wird er damit machen?“ immerhin zwei Taschenbuchausgaben, wurde „Dein Roman“ bislang kein zweites Mal aufgelegt.
Noch einmal wandte sich Schmidt in einer Übersetzung der Stadt New York zu – einem New York allerdings, das in Deutschland so gut wie unbekannt war: dem New York der Mitte des 18. Jahrhunderts, damals noch britische Kolonie. In seiner Roman-Trilogie „The Littlepage Manuscripts“ verfolgt James Fenimore Cooper über vier Generationen hinweg den Aufstieg der New Yorker Familie Littlepage zu einer der größten Landbesitzer-Dynastien der Vereinigten Staaten und der dann akuten Gefährdung des Besitzes durch Kleinbauern und Landpächter, die, als Indianer maskiert, die Großgrundbesitzer terrorisieren, weil sie Landbesitz (solange es nicht ihr eigener ist) für undemokratisch halten.
Seit Beginn der 1950er Jahre hatte Arno Schmidt diversen Verlagen diese Trilogie immer wieder zur Übersetzung angeboten – immer vergeblich. Erst Mitte der 1970er Jahre erklärte sich Goverts dazu bereit, der inzwischen ein Imprint des S.Fischer Verlags geworden war, in welchem auch Schmidts eigene Werke erschienen. Das damals bevorstehende 200jährige Jubiläum der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika trug beim Verlag mit dazu bei, die Veröffentlichung der insgesamt 1780 Seiten der „Bilder aus der amerikanischen Vergangenheit“ (so Schmidts Untertitel für jeden der drei Bände) zu wagen. Der erste Band, „Satanstoe“, kam pünktlich zum Jubiläum 1976 heraus; Band zwei, „Tausendmorgen“, erschien 1977, Band drei, „Die Roten“, 1978. Die Bände waren aufwendig hergestellt mit beidseitig bedruckten Schutzumschlägen, Beilagen und Abbildungen. 1983 wurden sie (ohne die Beigaben) als großformatige Taschenbücher ein zweites Mal aufgelegt.
Als Arno Schmidt am 3. Juni 1979 mitten in der Arbeit an seinem neuen Roman „Julia, oder die Gemälde“ verstarb, hatte er bereits mit Goverts vereinbart, nach Fertigstellung der „Julia“ einen weiteren Roman Edward Bulwer-Lyttons zu übertragen, das in Bulwers Todesjahr 1873 erschienene Spätwerk „Kenelm Chillingly his Adventures and Opinions“. Eine Umfangberechnung hatte Schmidt schon angestellt. Auf dem Vorsatz seiner englischen Ausgabe hat er vermerkt: „etwa 740 deutsche Normalseiten beim Übersetzen“.

Der Vollständigkeit halber seien noch einige kleinere Übersetzungen aufgeführt, die nie
als in sich abgeschlossene Buchpublikationen erschienen sind.
Im Mai 1953 übersetzte Schmidt Passagen (zusammengenommen 60 eng beschriebene DIN- A 4-Seiten) aus Rosie Gräfin Waldecks Talleyrand-Roman „Venus am Abendhimmel“, die bei der deutschen Erstveröffentlichung 1951 von Rowohlt herausgestrichen worden waren und bei einer Neuauflage wieder eingefügt werden sollten. – Durch Vermittlung des Rundfunkredakteurs Martin Walser übersetzte Schmidt im Juni 1954 für das Fernsehen des Süddeutschen Rundfunks das BBC- Fernsehspiel „Arrow to the Heart“ nach der Novelle „Unruhige Nacht“ von Albrecht Goes. – Ohne äußeren Anlaß übersetzte Schmidt im Juni 1956 das Gedicht „After Blenheim“ von Robert Southey. – Für seinen Funkessay „Angria & Gondal“ übertrug Schmidt im Oktober 1959 einige Gedichte Emily Brontë’s; im Rahmen seiner Beschäftigung mit James Joyce übersetzte er im Juni 1960 die Irische Ballade von „Finnegan’s Wake“. – Ab 1961 versuchte sich Schmidt an einigen Seiten von James Joyce’s „Finnegans Wake“, einer „Lesbarmachung für Deutsche“, mit der er einen Verlag für eine Komplettübersetzung finden wollte. – Walter Scotts Gedicht „Pibroch Donald’s des Schwarzen“ übertrug Schmidt im März 1963 ohne erkennbaren Anlaß. – Mitte der 1960er Jahre enstanden einige Übertragungen von Gedichten Edgar Allan Poes für „Zettel’s Traum“, die nicht in die Poe-Werkausgabe aufgenommen wurden, da Hans Wollschläger für die Gedichte innerhalb der Werkausgabe zuständig war.

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Jenes Buch über Athen, das der 11jährige Arno Schmidt auf Geheiß seines Vaters übersetzen sollte, hieß „Athens: It’s Rise and Fall“, war erstmals 1837 erschienen, und sein Verfasser war: Edward Bulwer-Lytton. Das erste Buch, das Schmidt übersetzen sollte, und das letzte, das er übersetzen wollte, hatten beide den selben Autor.
Waren Bulwers Werke etwa eine lebenslange Konstante in Schmidts Lektüre? Eine zwar naheliegende, aber falsche Spekulation. Zwar ist es wahrscheinlich, daß der junge Schmidt wie zahlreiche Kinder und Jugendliche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bulwers „Die letzten Tage von Pompeji“ gelesen hat. Aber erkennbare Spuren in seinem Werk hat die Lektüre dieses historischen Romans ebensowenig hinterlassen wie „My Novel“, das er eigener Angabe zufolge 1932 gelesen habe – von anderen Bulwer-Werken ganz zu schweigen. (Siehe hierzu Friedhelm Rathjen, „Inselwärts. Arno Schmidt und die Literaturen der britischen Inseln“, Scheeßel 2008; besonders die Seiten 165 – 174 sowie 218 – 230.)
Erst Mitte der 1960er Jahre, während der Niederschrift von „Zettel’s Traum“ und der Poe-Übersetzung, begann Schmidts intensive Bulwer-Lektüre; Anstoß dürfte die hohe Wertschätzung Bulwers durch Poe gewesen sein. Im Sommer 1971 zitiert Schmidt Poe in seinem Essay „BULWER oder die Meßbarmachung einer unbekannten Größe“: „Als Romanschriftsteller betrachtet, wird er von keinem Autor, weder unter Lebenden noch unter Toten übertroffen.“ (BA III, 4, S. 445)
Im März 1969 bat Schmidt seinen Lektor Ernst Krawehl, ihm bei der Beschaffung von „What will he do with it?“ und „My Novel“ behilflich zu sein; im Juni signalisierte Goverts Bereitschaft, eine Bulwer-Übersetzung nach Schmidts Wahl zu bringen. Schmidt entschied sich für „What will he do with it?“ und begann die Arbeit daran am 12. September 1969; bereits im November gleichen Jahres deutete er Krawehl gegenüber an, er würde später auch „My Novel“ übersetzen wollen.

Schmidt arbeitete etwas mehr als ein Jahr an „Was wird er damit machen?“. Auf der letzten, der Seite 640 seines DIN-A 3-großen Typoskripts vermerkte er : „beendet 5.10.70, 3h 48m“. Am breiten linken Rand der Typoskriptseiten datierte Schmidt buchhalterisch von Beginn an in einer Art minimalistischen Arbeitsjournals den Fortschritt der Übersetzung: Alle zwei bis drei Seiten erscheint mit großer Regelmäßigkeit das jeweils aktuelle Datum. Schmidt pausierte weder an Wochenenden noch an Feiertagen, und selbst in der Zeit vom 28.10 bis 1.11.1969 verringerte er sein Arbeitspensum nur wenig, obwohl an diesen Tagen seine Schwester Lucy aus Amerika zu Besuch war, die er seit Mitte der 1930er Jahre nicht mehr gesehen hatte. In den ersten 12 Tagen von 1970 allerdings schaffte Schmidt nur drei Seiten: Eine Grippe hinderte ihn an der Arbeit, was er ebenfalls am Typoskriptrand vermerkte.
Überhaupt weiten sich die Arbeitsdaten bisweilen zu kurzen, tagebuchähnlichen Eintragungen: Die Geburtstage von Vater, Mutter, Schwester und Ehefrau sind verzeichnet, die historische Bundestagswahl vom 28.9.1969, eine Sturmnacht im November, Pfingsten „das liebliche Fest“, eine Doppelhochzeit in Bargfeld und der eigene 33jährige Hochzeitstag. Daß seine Frau ihn am Abend des 26.1.1970 als „verschrullt“ bezeichnet hat, ist ebenso festgehalten, wie der Besuch eines Leser-Ehepaars am 3.8.1970. Ereignisse, die sämtlich nichts mit dem entstehenden Text zu tun haben, und die weniger von ihrer Bedeutung für Schmidt zeugen als von der Ereignislosigkeit in Schmidts Bargfelder Leben. Vor diesem Hintergrund ist Schmidts Eintrag vom 1.7.1970 fast ein bißchen unheimlich: „(wieder ein Monat um)))“, mit der Wiederholung am 1.8.1970: „! (wieder ein Monat !)))“. Fast tröstlich, wenn auch etwas rätselhaft, wirkt dagegen die Notiz vom 17.8.1970: “(unlustiger Wanst; aber hübscher beruhigender Regen)))“.
Die meisten der zahlreichen, vornehmlich typoskribierten Marginalien sind freilich von anderer Art.
Sie beginnen fast alle mit der kryptischen Buchstabenfolge „AdÜfdH“ – eine Notiz im Nachlaß Schmidts bringt die Auflösung: „Anmerkung des Übersetzers für den Hausgebrauch“, was heißen sollte, daß Schmidt die Anmerkungen nicht zur Veröffentlichung gedacht hatte, sie vielmehr Hinweise für Alice Schmidt waren, die hier, wie bei fast allen Übersetzungen ihres Mannes, als erste Lektorin fungierte. Schmidt gab ihr in den Anmerkungen belehrende Sachinformationen, erwog Übersetzungsalternativen, verteidigte gewollte Abweichungen vom Bulwerschen Original oder beklagte bisweilen seine Unfähigkeit, ein Wort, eine Wendung, eine Satzkonstruktion im Deutschen adäquat nachbilden zu können. Bot er dabei unorthodoxe Lösungen an, bestärkte seine Frau ihn gern, wie man zumindest einigen Stichworten in ihrer Handschrift unter den Schmidt'schen Marginalien entnehmen kann.
Zweimal zählt sie ihm, ebenfalls am Typoskriptrand, die Silben eines Bulwerschen Satzes vor, nennt die bedeutend höhere Silbenzahl seiner Übersetzung und schlägt eine eigene, in der Silbenzahl nur wenig über Bulwer liegende Formulierung vor. Sie gemahnt ihren Mann dabei an die Einhaltung des „Schmidt’schen Vergrößerungsfaktors“ – Arno Schmidt hatte nämlich die These aufgestellt, daß bei der bekannten Einsilbigkeit des Englischen eine sehr sorgfältig gearbeitete Übertragung ins Deutsche einen Vergrößerungsfaktor von etwa 1,1 aufweisen müsse, während ein Faktor von 1,4 ein Indiz dafür sei, daß der Übersetzer „geschwatzt“ habe. (BA III, 4, S. 9). In den beiden von Alice Schmidt monierten Stellen erreichte Schmidt den Faktor 1,8 bzw. 2,2.
Die Fahnen- und Umbruchkorrekturen für „Was wird er damit machen?“ übernahmen Alice Schmidt und Ernst Krawehl. Arno Schmidt arbeitete bereits an seinem neuen Roman „Die Schule der Atheisten“ und wollte nicht gestört werden; auf Fragen seiner Frau zu möglichen Übersetzungs- und Rechtschreibfehlern reagierte er äußerst ungehalten und beharrte häufig auf seinen Formulierungen und Schreibungen, auch wenn seine Frau (wie in ihren Briefen an Krawehl zu lesen ist) überzeugt war, daß sie falsch seien.
Hin und wieder aber ließ sich Schmidt zu Erläuterungen seiner Übersetzungseigenheiten herab, die seine diesbezüglichen Halsstarrigkeiten in ein anderes Licht tauchen. – Als Krawehl einige modernere Schreibungen durchsetzen will, wird ihm ausgerichtet: „Generell: alle älteren, der Bulwer-Zeit entsprechenden Ausdrücke und Schreibweisen behalten immer den Vorrang, es sei denn ihr damaliger Sinn habe eine völlige Umwandlung erfahren u. könnte heute mißverstanden werden. Ein großer Anreiz f. das Buch soll ja eben darin bestehen, in die viktorianische Zeit hineinzugehen was auch ganz der heutigen schon teils auto- u. verkehrsmüden leicht gehobneren Leserschaft entsprechen würde, glauben Sie’s. Sie wünschen sich freizeitlich gedankenspielerisch zurück, u. dazu muß jedes stilistische Mittel Hülfestellung leisten, wie in ein Netz hineinverstricken und hineinverlocken.“ (AlS an EK, 30.4.1971)
In Buch Sieben (hier in Band 4, S. 128, Zeilen 10 und 14) bemängelt Krawehl die inkonsistente Schreibung Käficht / Käfig. Dazu Alice Schmidt: „Ich schrieb Ihnen schon oft, mein Mann spricht jeden Text vor sich hin, ehe er ihn schreibt. In Z. 10 kann man das recht gut sprechen. Aber in 14 würde sich ‚Käficht entschwunden’ nicht sonderlich schön anhören. Sprechen Sies mal selbst. Melodischer hier also: ‚Käfig entschwunden'. Also beides aus euphonischen Gründen in der verschiednen Schreibweise belassen.“ (AlS an EK, 22.5.1971) – Als Krawehl auf die Falschschreibung „wiederspiegelnd“ (hier in Band 5, S.9, Zeile 23) hinweist, läßt ihm Schmidt die Antwort zukommen: „mit ‚ie’ belassen da es nur eine Wiederholung seines stillen Schattens sein soll. (Wobei dann ein Widerspiegeln in anderer Situation d. dann etwas leicht feindliches hätte, sprachlich auch möglich wäre. Also Spracherweiterung durch diese Dudenmißachtung.)“ ( AlS an EK, Anfang August 1971) – Krawehl bittet darum, daß Schmidt sich für eine der von ihm abwechselnd benutzten Schreibweisen „Thränen“ oder „Tränen“ entscheiden möge. Er wird belehrt, bei „Thränen“ handele es sich um echte, bei „Tränen“ um unechte. Und Alice Schmidt darf die Generalanweisung ausgeben: „So wenig konsequent wie möglich. Wir sind keine Beamten sondern ein Dichter.“ (AlS an EK, 20.3.1971)
Eine Haltung, die einem Autor Ehre einbringen mag – die aber geeignet ist, Korrektoren, Lektoren und Editoren an den Rand des Wahnsinns zu treiben.

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Der Text der vorliegenden Edition folgt der von Arno Schmidt autorisierten Erstausgabe von 1971 bei Goverts; eindeutige Setzfehler wurden stillschweigend korrigiert, besonders solche in französischen Wörtern.
Die autobiografischen und werkbezogenen Marginalien werden hier erstmals und komplett veröffentlicht; sie finden sich jeweils am Ende eines Bandes. Zusätze und Anmerkungen des Herausgebers sind in eckige Klammern gesetzt. Mit „EA“ wird auf die Erstausgabe von 1971 verwiesen, mit „Bulwer“ auf die druckfehlerreiche englische Ausgabe, 1860 bei W. Blackwood and Sons erschienen, die Schmidt als Vorlage diente. (Zur Vergleichslesung besaß Schmidt außerdem eine deutsche Übersetzung von Gottlob Fink aus dem Jahr 1857.) – Das fast jede werkbezogene Marginalie einleitende „AdÜfdH“ ist weggelassen, nur Abwandlungen davon sind wiedergegeben.
Bernd Rauschenbach

Zitierte Literatur:

AS an HW
Brief Arno Schmidts an Hans Wollschläger. Archiv der Arno Schmidt Stiftung

AS an WM
Arno Schmidt, der Briefwechsel mit Wilhelm Michels. Zürich 1987

AlS an EK
Brief Alice Schmidts an Ernst Krawehl. Archiv der Arno Schmidt Stiftung
BA III, 4
Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts, Werkgruppe 3, Band 4. Zürich 1995

Porträt
Porträt einer Klasse. Arno Schmidt zum Gedenken, herausgegeben von Ernst Krawehl. Frankfurt am Main 1982

Dröge
Heinrich Droege, Begegnung mit Arno Schmidt. Assenheim 1985